Toleranz hat in Hanau Tradition – Gedanken zur Hanauer Union von 1818

Wieviel muss man gemeinsam haben, um miteinander leben zu können? Die gleiche Kultur, die gleiche Herkunft, die gleichen Bräuche? Es gab Zeiten, da dachte man, dass all das nötig ist. Heute haben wir gelernt, dass wir auch friedlich miteinander leben können, wenn wir nicht das gleiche denken, das gleiche mögen und oft nicht mal die gleiche Sprache sprechen. »Leben und leben lassen«, das ist der Wahlspruch vieler Menschen in dieser Region. Manche betrachten diesen Spruch als Desinteresse oder Positionslosigkeit. Man kann aber dahinter auch die Erkenntnis sehen, dass es reicht, dass wir einander achten und nebeneinander stehen lassen können, was sich nicht vereinheitlichen lässt.

Diese Art des Umgangs ist nicht neu, sie hat im Hanauer Raum Tradition. Schon vor 300 Jahren machten sich die Menschen darüber Gedanken, wie sie mit den Unterschieden untereinander besser umgehen könnten. Es gab in dieser Region damals zwei verschiedene evangelische Kirchen, die miteinander über die richtige Auslegung der Bibel, die Art und Weise Gottesdienst zu feiern und das Abendmahl zerstritten waren. Im gesamten Fürstentum Hanau gab es lutherische und reformierte Gemeinden. Oft mussten winzige Dörfer zwei Pfarrer, zwei Kirchen, Pfarrhäuser, Schulen, Lehrer etc. finanzieren. Anderswo musste, wer zum Gottesdienst ging, manchmal drei Berge überwinden, obwohl eine Kirche am Ort war.

Im Laufe des 18. Jahrhunderts wurde diese Situation für viele zum Ärgernis. Warum bildete man nicht einfach eine Gemeinde? War es nicht wichtiger, zusammen zu kommen und miteinander Gottesdienst zu feiern, als sich darüber zu streiten, in welcher Weise Christus im Abendmahl anwesend ist? War es nicht nötig, die Fragen der neuen Zeit anzugehen und gemeinsam für Glaubwürdigkeit und Einfluss der Kirchen zu kämpfen, statt die Unterschied im Gottesdienst weiter als trennend zu betrachten?

Nicht nur in Hanau waren diese Fragen aktuell. Um die Jahrhundertwende gab es überall in Deutschland Menschen, die sich für eine Vereinigung der lutherischen und reformierten Kirchen stark machten.In Hanau wurde vorgeschlagen, die beiden Kirchen zu einer evangelischen Kirche zusammenzufassen, eine gemeinsame Kirchenverwaltung zu schaffen und gemeinsam Abendmahl zu feiern. Die Zahl der Kirchen, Pfarrstellen und Schulen sollte zunächst so bleiben wie sie war und die Gottesdienste wie gewohnt gefeiert werden. Erst nach und nach sollten Gemeinden am gleichen Ort vereinigt und eine Gottesdienstordnung sowie ein Katechismus für alle entwickelt werden.

Die Vorschläge wurden von den meisten Pfarrern sehr begrüßt. Viele berichteten von den Schwierigkeiten, die durch eine Union ausgeräumt werden könnten: Ehepaare mit unterschiedlichen Bekenntnissen müssten nicht mehr entscheiden, ob ihre Kinder lutherisch oder reformiert getauft werden sollen. Jeder könnte an seinem Wohnort zur Kirche gehen. Die Pfarreien wären groß genug, um einen Pfarrer zu ernähren.

Einige Pfarrer waren aber auch skeptisch, ob ihre Gemeindeglieder eine veränderte Abendmahlsform akzeptieren würden.

1818 versammelten sich die Pfarrer der Region, um über die Vorschläge abzustimmen. In den meisten Punkten herrschte Einigkeit. Lediglich bei der Frage, in welcher Weise Abendmahl gefeiert werden sollte, gab es Unstimmigkeiten. Nahm man nun Brot oder Oblaten? Hier waren die Unterschiede wirklich sichtbar. Nach langer Diskussion einigte man sich auf längliches Brot und konnte dann die Vereinigung vollziehen

Manch einer war skeptisch, ob diese Verbindung halten würde. Spöttisch wurde sie als Buchbinderunion bezeichnet, weil man einfach beide Lehrbücher (Katechismen) in einem Buch zusammengebunden hatte.Doch die Union hatte trotz mancher Schwierigkeiten Erfolg. Im Laufe der Zeit wurde deutlich, dass es klug ist, auch scheinbar Unvereinbares nebeneinander stehen zu lassen, und stattdessen dafür zu sorgen, dass ein gutes Zusammenleben möglich ist. Die Hanauer Union war ein Zeichen der Toleranz. Ihr Geist ist noch heute spürbar.

aus dem Gemeindebrief der Kirchengemeinde Dörnigheim

 

 

 

Bericht von der
»Tafel für Toleranz« 2013

»Tafel für Toleranz« am 23. Juni misst 86 Meter

 

Bilder des Schülerwettbewerbs »Dein Foto für Toleranz«

finden Sie hier ...

 

Rückblick auf die Veranstaltungen

Flash-Datei ansehen

 

Kontakt

Evangelisches Dekanat Hanau-Stadt
Rückertstraße 11
63452 Hanau
Genaue Angaben hier